5. – 10. Schuljahr

Werner Stehr

Im Paradies digitaler Verführung: „Public Face in Hamburgs HafenCity

Über eine restaurierte Eisenbrücke zwischen Hamburgs Speicherstadt und HafenCity, nicht weit entfernt von der funkelnden Elbphilharmonie, installierten drei junge Künstler in acht Metern Höhe einen riesigen Neonröhren-Smiley (Abb. 1). Das Besondere dieser weithin sichtbaren „kinetischen Skulptur bildet eine Software, die mit ausgeklügelten Algorithmen dafür sorgt, visuelle Veränderungen des hell strahlenden Smileys zu bewirken: Überwachungskameras, auf die biometrischen Merkmale vorbeilaufender Passanten gerichtet, sorgen für einen kontinuierlichen Datentransfer zu einem Computerprogramm.

Die Berliner Julius von Bismarck (*1983), Benjamin Maus (*1984) und Richard Wilhelmer (*1983) sind im Kunstmilieu bekannte Crossover-Künstler, die gemeinschaftlich Filme und Videos herstellen, fotografieren, malen, mit kinetischen Skulpturen experimentieren und in Galerien und Institutionen aktiv sind. Im auftrumpfenden Kunstjargon ist hierbei gern von „kollaborativen Interventionen die Rede, denn ihre Spezialität sind neben spannungsreichen Verflechtungen von Kunst, Wissenschaft und Technik klug durchdachte Eingriffe in den urbanen Raum. Sichtbar werden ihre Arbeiten an alternativen, erfindungsreichen Orten, die wohltuend von der oft öden Stadtmöblierung abweichen.
Ein Smiley, der für Stimmung sorgt
„Public Face kann durch seine leicht verständlichen Kurzbotschaften freundlich lächeln, aber auch mies gucken, variantenreich die Augen bewegen oder durch einen waagerechten Strichmund Gleichgültigkeit vorspielen. Solche simplen Icon-Mimiken sind uns vom Smartphone, von WhatsApp, Twitter, Instagram oder Facebook wohl vertraut. Wie die verschiedenen, in Echtzeit entstehenden Gesichtsausdrücke des riesengroßen, sieben Meter hohen Smileys generiert werden, erläutert eine eigens für die HafenCity engagierte Kuratorin neugierigen Besuchern: Sie basieren, wie oben schon angedeutet, auf den Gefühlslagen der gerade passierenden Fußgänger, die von mehreren verborgenen Webcams aufgezeichnet werden. Es bleibt das gehütete Geheimnis der Macher, wie viele Kameras es tatsächlich sind. In jedem Falle werden permanent Informationen erzeugt: „Ohne diese zu speichern, sendet eine Software die gemessenen Daten in Echtzeit an die Mechanik der Apparatur. Dort übersetzt ein von den Künstlern entwickelter Algorithmus die Informationen in eine konkrete Emotion, die dementsprechend weder von Einzelpersonen beeinflusst werden kann noch individuelle Befindlichkeiten wiedergibt. Auf diese Weise verlagert (...) Public Face die Wahrnehmung von der eigenen Verfassung auf die Gefühlslage anderer Menschen in der Umgebung. (Zitat aus: s. QR-Code 1 ) Unabhängig von der seit 2018 in Europa gültigen Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) geht es den Künstlern mit ihrer bis November 2019 in Hamburg installierten Skulptur zunächst nur darum, die gesammelten Emotionen einer anonymen Population qua digitaler Werkzeuge in leicht verständliche Icons zu transformieren. Über ihr öffentlich demonstriertes „Ausforschen hinaus lenken sie mit ihrem legalen, doch zugleich hinterlistigen IT-Eingriff in die private Sphäre den Fokus bewusst auch auf die eingesetzten digitalen Überwachungsinstrumente. Und dass sich diese virenartig in unserer Welt ausbreiten, weiß inzwischen jeder.
„Big Brother is watching you
An Warnungen vor einem „technologischen Totalitarismus (Lobo 2015) hat es in Vergangenheit und Gegenwart nie gemangelt. Der Begriff „Orwell-Staat fand zurecht Eingang in unseren Sprachgebrauch für ein allmächtiges System, wie es in der chinesischen Volksrepublik mit ihren „etwa 200 Millionen Überwachungskameras bereits verwirklicht ist. Ihre Programme eines „Social Scoring, die auch entsprechende Sanktionen beinhalten, bauen auf gänzlicher Verhaltens- und Datenkontrolle der Bevölkerung auf (s. QR-Code 2 ).
Bereits im vergangenen Jahrhundert haben mehrere Werke...

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