5. – 10. Schuljahr

Gisela Hollmann-Peissig, Thomas Michl

Wie in Kunst mit Noten umgehen?

Endlich hat der Kunstlehrer von Millie das Bild, an dem sie die letzten Wochen gearbeitet hat, benotet. Sie ist schon ganz gespannt. Der Lehrer kündigt an, die Noten laut vorzulesen, da sowieso niemand eine schlechte Note erhalten habe. Und noch bevor Millie einhaken kann, dass sie das eigentlich nicht haben möchte, hört sie schon die „Drei, die der Lehrer ihrem Bild gegeben hat. Millie ist enttäuscht, denn sie ist die Einzige, die eine „Drei bekommen hat, und das wissen jetzt alle! Sie fühlt sich vor der ganzen Klasse bloßgestellt.

Wie sinnvoll ist eine Benotung im Kunstunterricht?
Das Feld der Notengebung im Kunstunterricht ist sehr weit, ja schier unüberschaubar. Daher möchten wir hier zunächst nur Teilbereiche ansprechen. Diese betreffen erst einmal die grundsätzliche Sinnhaftigkeit von Noten im Fach Kunst generell. Auf diese Frage folgt gleich eine zweite: Für was überhaupt sollen und können wir den Schülerinnen und Schülern Noten in unserem Fach geben. Und schließlich geht es noch um den Umgang mit den Noten, also wie verfahre ich als Kunstlehrerin oder Kunstlehrer korrekt und sinnvoll mit den Noten.
Nicht wenige Kunstlehrkräfte vertreten die Auffassung, dass Kunst überhaupt nicht benotet werden kann und dass es daher auch keine Noten für die Schülerarbeiten in unserem Fach Kunst geben sollte. Wenn man annimmt, dass Noten rein rationale und objektiv vergebene Leistungsbeurteilungen sein sollen, erscheint diese Aussage auf den ersten Blick durchaus nachvollziehbar und auch plausibel. Denn schon Immanuel Kant stellte Ende des 18. Jahrhunderts in seiner „Kritik der Urteilskraft fest, dass ästhetische Urteile nicht rein objektiv sein können, sondern dass sie immer auch subjektive Anteile enthalten. Der obigen Argumentation folgend, könnte man daher mit Recht zu dem Schluss kommen, dass eine Beurteilung, die in weiten Teilen subjektiv-persönliche Meinungen und Einstellungen der Lehrkraft enthält, besser nicht gegeben werden. Möglicherweise könnten sonst, je nach Sympathie, manche Schüler bevorzugt oder benachteiligt werden.
Der Unterschied zwischen Kunstwerk und Schülerarbeit
Die Tatsache, dass die Qualität von Kunst in der Schule durch Noten gemessen wird, erscheint erst einmal abwegig. Jedoch muss man hier klar unterscheiden, zwischen Erzeugnissen, die von Künstlerinnen und Künstlern hergestellt werden und den Aufgaben im Kunstunterricht. Erstere entstehen in einem vollkommen freien Kontext und von Auftragsarbeiten einmal abgesehen ausschließlich auf den Impuls der oder des Kunstschaffenden und können somit als Kunst bezeichnet werden.
Schulische Aufgaben hingegen, die im Fach Kunst angefertigt werden, müssen nach unserem Verständnis nicht als Kunst, sondern als Gestaltungsübungen, bestenfalls als an Kunst angelehnte Praxen gesehen werden. Hält man diese Unterscheidung aufrecht, ergibt sich folglich kein automatischer Widerspruch zwischen den gestalterischen Äußerungen von Schülern und der Notengebung. Denn angeleitete Aufgaben, bei denen klare Zielvorstellungen und Kriterien formuliert werden, können, wie in anderen Fächern auch, benotet werden. Diese Gleichbehandlung aller schulischen Fächer ist auch der Grund, warum vor allem der Kunstdidaktiker Gunter Otto seit den späten 1960er-Jahren so sehr auf eine angemessene, qualifizierte Notengebung im Fach Kunst pochte. Nicht zuletzt auch, da der Status eines Fachs, in dem als einziges in der Schule keine Zensuren vergeben werden, geschwächt würde. Die Gleichstellung von Kunst im Fächerkanon wäre über kurz oder lang gefährdet! Und das kann niemand von uns wollen, oder?
Nicht alle Arbeiten benoten
Das bedeutet aber selbstverständlich nicht, dass immer alle Noten in Kunst gerechtfertigt oder gerecht wären. Hier stellt sich die Frage, was im Kunstunterricht überhaupt bewertet werden soll und wie. Zuerst einmal muss man festhalten, dass keineswegs immer alles, was...

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