1. – 13. Schuljahr

Werner Stehr

Geoffrey Farmer: „Leaves of Grass eine collagierte Zeitreise

Dem kanadischen Künstler Geoffrey Farmer (*1967) war auf der documenta 13 (2012) mit seiner Assemblage „Leaves of Grass zweifellos ein Überraschungscoup gelungen. Auf einem 40 Meter langen Tisch präsentierte er 16.000 ausgeschnittene, doppelseitig beklebte Pressefotos, befestigt an den Spitzen langer Grashalme. Die verschieden großen Bilder waren 50 Jahrgängen des amerikanischen Magazins „Life von 1935 bis 1985 entnommen.

Gezeigt wurde Farmers bildmächtiges Materialrecycling im oberen Skulpturengang der Neuen Galerie in Kassel, wodurch sich die Arbeit von allen Seiten aus unmittelbarer Nähe betrachten (Abb. 1 .) ließ. Schnell wurde der Bilderrausch „Leaves of Grass zu einem vielbesuchten Lieblingskunstwerk.
Angesichts dieses hochkomplexen „Archivs des 20. Jahrhunderts (Katalog, S.150) berichtete die internationale Presse durchweg positiv über das ausgefallene Marathonschaffen des Newcomers. Das Kunstmagazin „art sprach verzückt von einem „einmaligen Seherlebnis und das „Kunstforum orakelte schon im Vorfeld der Ausstellung, „Leaves of Grass würde „sicher ein Publikumsliebling werden. Anerkannt wurde auch der Wagemut des Künstlers, im gegenwärtigen Kunstbetrieb das bislang eher vernachlässigte Prinzip der Collage wiederzubeleben, indem er es in die räumlichen Dimensionen einer Assemblage ausweitete.
Kulturgeschichte und Printmedien
Mit seiner bildmächtigen Zeitreise gelang es Farmer, ein halbes Jahrhundert amerikanischer Wachstumsökonomie mit ihren rasanten Veränderungen zu einem linear komprimierten, intensiven Seherlebnis werden zu lassen.
„Leaves of Grass veranschaulicht die US-amerikanische Weltsicht aus einer Zeit weniger Jahre vor dem Zweiten Weltkrieg bis zur Mitte der 1980er-Jahre. Was für ein riesiges Unterfangen, aus solch einer gigantischen Bilderflut von 50 Jahren 16.000 Einzelfotos herauszufischen! Mit ihnen markiert der mit etwa 90 Helfern ausgeführte Zeitstrahl viele tiefgreifende Ereignisse, Umbrüche, Niederlagen wie „Highlights. Als publizistisches Erfolgsmedium spiegelte das 1883 gegründete „Life Magazine alle relevanten Weltereignisse und verkörperte in Texten und oft preisgekrönten Bildern die Ideale eines Individualismus, geboren aus den Sehnsüchten amerikanischer Freiheitsvorstellungen. Wobei jede einzelne Ausgabe, die bis ins Jahr 1978 wöchentlich und danach nur noch monatlich erschien, etwa 90 bilderreiche Seiten lieferte.
Aus heutiger Distanz lässt sich beim Anschauen der chronologisch gruppierten Bildpartikel feststellen, dass es wohl die besten Jahre des Fotojournalismus überhaupt waren. Sie spiegeln das Weltbild von Millionen: „Geoffrey Farmers Installation versammelt Bilder aus politischen Reportagen, Fotografien zu Technik, Starkult, Sport, Lifestyle, Kriegsreportagen, Modefotografie, Kunstgeschichte, Produkt-, Tier- und Foodfotografie. Viele Fotografen und Motive sind bekannt, in der Zusammenschau kann man die typischen Bildsprachen und Ästhetiken jener Epoche ablesen.(Kunstforum, S.153) Sie zeigen neben vielen banalen Alltagsdingen ebenso Katastrophen, Glücksmomente oder geschichtliche Zäsuren, wie beispielsweise den Sieg der Alliierten über die Naziherrschaft, Roosevelts New Deal, Hollywoods Filmgrößen, das Vietnamdesaster oder den Anfang von AIDS. Auch der drucktechnische Übergang von Schwarz-Weiß zur Farbe ist abzulesen wie der technische Fortschritt der Fotoapparate. Die in Farmers Werk gezeigte Historie des mit Reklameanzeigen gespickten Magazins endet 1985. Es wurde im Jahre 2000 eingestellt, vor allem, weil Printmedien durch die übermächtige Konkurrenz des Fernsehens und später durch die digitale Revolution nicht fortbestehen konnten.
Das Foto als Nadel im Heuhaufen
Anspielend auf die „Grashalme im Titel der Arbeit verwandelt sich das Einzelfoto in der Assemblage zur buchstäblichen Nadel im Heuhaufen. Und Heuhaufen bestehen aus einzelnen Grashalmen. In...

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